Doch von vorn. Im wunderbar sonnendurchfluteten Flieder-Innenhof hatten die beiden Vorleser Simone Kabst und Peter Wagner von der ersten Sekunde an die volle Aufmerksamkeit. Zunächst hatte man das Gefühl, die beiden Vortragenden sprächen über sich selbst. Doch sie lasen bereits die ersten Zeilen des Buches “Zwischen Welten” der Autoren Juli Zeh und Simon Urban.
Darin findet sich eine fiktive Niederschrift einer per Whatsapp und E-Mail über Monate ausgetragenen Unterhaltung, Diskussion und teils auch knallharter Streitgespräche zwischen der Bio-Landwirtin Theresa aus dem dörflichen Brandenburg und dem Journalisten Stefan in der Großstadt Hamburg. Die beiden ehemaligen Germanistikstudenten und Freunde haben sich aus den Augen verloren und treffen Jahre später in Hamburg aufeinander. Offenbar geraten sie über ihre teils gegensätzlichen Ansichten in Streit und führen das Gespräch in schriftlicher Form weiter.Simone Kabst und Peter Wagner erwecken mit ihrer Vortragskunst die beiden Figuren zum Leben. Trägt Frau Kabst zwar etwas plakativ einen grünen Einteiler und Gummistiefel, nimmt man ihr durch die Mimik und Gestik beim Vortrag ab, dass ihre Kunstfigur mit ihrem selbst gewählten Schicksal als Landwirtin hadert. Auch Peter Wagner verleiht “seinem Journalisten” eine ausdrucksstarke Stimme. Und so belächeln die Protagonisten zunächst das Leben des jeweils anderen in der Stadt und auf dem Land, feiern kleine berufliche Erfolge miteinander, trösten sich bei Niederlagen, sinnieren bald über den Sinn des Lebens und streiten über die Sinnhaftigkeit des Genderns, über Political Correctness, den Umgang mit der AfD und viele weitere aktuelle Themen.
Doch wer an dieser Stelle abwinkt, ob der immer gleichen Litanei: Hier gibt es keine erhobenen Zeigefinger, keine endgültigen Wahrheiten und erst recht keine Belehrungen. Juli Zeh ist als Autorin dafür bekannt, dass sie Themen auf unterhaltsame Art aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, um ein differenziertes Bild zu schaffen und immer wieder zum Nachdenken, auch über konträre Positionen, anzuregen.Natürlich wurde in der gut zweistündigen Lesung nicht das komplette Buch vorgetragen und doch wurden die rezitierten Abschnitte äußerst passend mit musikalischen Beiträgen von Kenneth Berkel am Piano verknüpft. Und so verging der Nachmittag wie im Flug und offensichtlich gut unterhaltene Zuhörer freuen sich ganz sicher über eine weitere Lesung im wunderbaren Ambiente des Fliederhofs.






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